Religion heute

18. Juni 2011

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm

Filed under: Vorträge — Dieter Koch @ 08:42
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Ich kreise um Gott, um den uralten Turm… und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang – eine Begegnung mit Rainer Maria Rilkes Stundenbuch

Meine Damen und Herren, wir schreiben das Jahr 1899, genauer den Abend des 20.September, da, so Rilke, “ging nach langem Regen Sonne durch den Wald und durch mich“ (KA I,745) und ein Dichten erhebt sich, ein Rauschen der Sprache, das uns eine Flut von Gebeten schenkt. In wenigen Tagen, genauer zwischen dem 20.9. und dem 14.10. dieses Jahres, Rilke weilt in Berlin-Schmargendorf, entsteht das erste Buch von Rilkes Stundenbuch, „das Buch vom mönchischen Leben“. Zwei weitere dichterische Schübe folgen. Zwischen dem 18.und 25.9.1901, Rilke befindet sich in Westerwede, bricht das zweite Buch des Stundenbuches ans Tageslicht, „das Buch von der Pilgerschaft“ und schließlich in der Woche zwischen dem 13. und 20.4.1903, Rilke flieht nach schmerzlichsten Erfahrungen in Paris nach Viareggio in Italien, folgt das dritte Buch, „das Buch von der Armut und vom Tode“

  1. I.                    Das Stundenbuch – eine Theologie des Jugendstils

Nur leicht überarbeitet – die Folge der Gedichte, die aus einer einzigartigen Inspiration flossen und  doch zugleich bis heute von hoher künstlerischer Gestaltungskraft zeugen, blieb unberührt – wurden die 3 Teile 1905 zum Stundenbuch gefügt und erschienen im Insel-Verlag. Das Stundenbuch gilt als das erste der sogenannten „undatierbaren Werke Rilkes“ (Mövius, 157) und begründete Rilkes unvergleichlichen Ruhm als Dichter. Schon zu Lebzeiten Rilkes erreichte dieses Buch eine immense Auflage von über 60.000 Exemplaren und auch spätere Zeiten griffen immer neu zu diesem modernen Erbauungsbuch. Sie fanden Trost, religiöse Berührung und Erhellung darin. Sein großes Thema ist Gott, aber wie Rilke über Gott spricht ist unvergleichlich, wenn auch nicht ohne eine Fülle von Bezügen in die Geistesgeschichte des Abendlandes. Viele Teile tönen mystisch, Meister Eckhart und vor allem Angelus Silesius scheinen wieder zu erklingen. Die Gedankenwelt, wenn auch höchst individuell geprägt, verweist auf die Romantik, auf Schleiermacher und Novalis und philosophisch könnte man dieses Werk als Dialog zwischen Schelling und Nietzsche lesen. Aber es ist kein abwägendes Gespräch, sondern ein großes Fühlen, eine „Dichtung schwerfaßlicher Ergriffenheiten…., ein ununterbrochenes Gewoge von Ekstasen und Ängsten, von Entzückungen und geheimnisvollem Gewisper, von sich überstürzenden Vergleichen, Umschreibungen und Paradoxien“(Herzog, 380). Sein bisweilen verspielt klingendes Hauchen und Schwärmen blieb nicht ohne Spott, und doch liegt diesem Buch ein tiefer Ernst zugrunde. Rilkes Stundenbuch ist wie ein zweiter Psalter. Hymnisches verbindet sich mit tiefer Klage. Gott wird gesucht, angerufen, und ist doch zugleich der Dinge tiefster Inbegriff. Es ist ein Sprechen zu Gott und ein Sprechen von Gott, das sich in einer Kaskade von Bildern entfaltet, in  überraschenden Metaphern, bisweilen manieristisch übersteigert und zu „frommen Unverschämtheiten“ neigend (so Karl Barth nach Schulze, 185), zugleich einen einzigartigen Klangteppich ausrollend, voller Assonanzen, Alliterationen und gehäuften Reimen, in dem „Gott als euphonische Einheitsmacht“ (Koch, 53) ins Tönen kommt.

Man hat das Stundenbuch Rilkes als die „Theologie des Jugendstils“ (Herzog,  378) bezeichnet: Es ist eine poetische Theologie. Rilke selbst sprach in Briefen von einer „Reihe von Erhebungen und Gebeten“, „gewoben aus Freude, Erkennen, Sehnsucht und Dank, Unterwerfung und Aufrichtung“, „ein Aufstieg Gottes aus dem atmenden Herzen“ (KA I,726,730), vor allem aber sah er das Stundenbuch als einen großen „Gesang, ein einziges Gedicht, in dem keine Strophe von ihrem Platz gerückt werden kann“(KA I,732). Und doch kann ich in dieser Stunde nur ausgewählte Einzelstrophen ihnen vorstellen und Grundmotive dieser Dichtung benennen. Dabei steht das erste Buch vom mönchischen Leben im Mittelpunkt, ich meine mit Ruth Mövius, dass es „geistig gesehen als hauptsächliche Verdichtung seines Urerlebens den Höhepunkt des Werkes bedeutet“(104), während die beiden anderen Teile nach schwersten Krisenerfahrungen sich in die hier entfaltete Gottinnigkeit, die getragen  ist von einer pantheistischen Grundstimmung und dem Glauben an „eine organische Lebenstotalität, an der das Ich teilhat“(Pagni, 37), zurücktasten, Rettung suchend in der einst so übermächtigen Hingegebenheit an die umfassende Seinsmacht, Gott.

  1. II.                  Eine moderne, sentimentale Dichtung in der Tradition der Mystik

Hören wir nun endgültig in das Stundenbuch hinein:

Am Abend des 20.September 1899, da nach langem Regen die Sonne durch den jungen Dichter ging, da „neigt sich die Stunde und rührt mich an/ mit klarem, metallenem Schlag:/ mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann – / und ich fasse den plastischen Tag. // … Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem / und mal es auf Goldgrund und groß, / und halte es hoch, und ich weiß nicht wem / löst es die Seele los… //“(11)

Das lyrische Ich, ein russischer Mönch, ein Dichter und Ikonenmaler zugleich, beginnt in höchst individueller Weise sein Gespräch mit dem Gottschöpfer und Weltengrund. Die religiöse Sprache, aus Erfahrung geboren, in Symbolen und Bildern sich darstellend, ist Anruf und Antwort zugleich. Da ist einer ursprünglich berührt, erlebt die Stunde seines Lebens und fängt an dem Lied, das in den Dingen tönt, seine Stimme zu leihen.  Von den ersten Zeilen an ist alles getragen von einem zarten, hellen Sinn für die Präsenz Gottes in den Dingen und Erlebnissen. Auch noch das Kleinste wird geliebt und ikonenhaft gestaltet, d.h. Irdisches wird eingezeichnet in den Goldgrund des Göttlichen. An solchen Stunden Anteil zu geben ist der geistige Sinn des Stundenbuchs und so hat Rilke auch den Titel seines großen Gesangs bewusst an die Stundenbücher des Spätmittelalters, Gebetssammlungen für die private Andacht, angelehnt.

Schon das zweite Gedicht, noch am selben Abend entstanden, gehört zu den allerbekanntesten Rilkes: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, / aber versuchen will ich ihn. // Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrhundertelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang“ (11). Ein Wort, auf mancherlei Todesanzeigen verwendet, das das Leben mit einem in Jahrringen sich ausbildenden Baum vergleicht. Dieses Symbol steht hier für das geistige Ich, das im göttlichen Grund wurzelt, und zugleich weiß, dass der letzte Jahresring mitten in seinem Werden abgebrochen werden wird – von anderer Hand, ohne dass dies dem tiefen Sinn, zu werden, zu reifen, der Vollendung entgegen zu streben, seinen Wert rauben kann. Ein zweites Bild stellt sich ein, Vogel, Wind, Atem. Die Seele kreist um Gott, sich selber suchend, sich entdeckend in Gott. Ein Falke, klarsichtig und zugleich auf den Horusfalken des alten Ägypten hinweisend, der Sturm, brausend und zugleich auf die mächtigen Epiphanien im Alten Testament verweisend, denken sie allein an das Toben der Elemente bei der Übergabe des Gottesgesetzes an Mose am Sinai in 2.Mose 19. Da stellt sich ein Bild ein für die gottsuchende Seele und zugleich ist dieses Bild tief verwurzelt in der religiösen Bilderwelt der Jahrtausende. Diese Gottes- und Seelenbilder sind dabei ja nicht beliebig, sondern ihnen liegen tiefgründende Erfahrungen zugrunde. Es sind wegweisende Erhellungen des Bewusstseins, aus dem Unergründlichen auftauchende Urbilder, die auf die Gottverwiesenheit unserer Seele weisen.  Wo sich der Bezug auf Gott positiv ausprägt, dort greift das Lied, das Gotteslob, der Hymnus, wird Dasein, wie Rilke sagt, Gesang. Das griechische Orpheusmotiv und die neuttestamentliche Welt des Jubels verbinden sich.

Rilkes Verse sind tief von seiner Begegnung mit Russland bestimmt. Und so  kann man Strophe um Strophe die Weiten Russlands und dessen Volksfrömmigkeit entdecken. Uns begegnet die Welt der russischen Ikonen und das Raunen seiner Gottsucher bis hin zur Gegenwart des bewunderten Tolstoi (s. Spuler, 227). Und doch sind alle diese russischen Elemente tief verwandelt. Sie zeigen, wie Rilke äußerst empfänglich auf Einflüsse jedweder Art reagiert und sie doch stets zugleich ganz individuell umformt, neu formt,  so dass aus Sensibilität und Sentimentalität, tausenderlei Sinneswahrnehmungen ausgesetzt, ein geistiges Sentiment, ein Gottfühlen wird . Nüchterne Betrachter seiner Verse irritiert dies immer wieder, aber Rilke steht hier in einer Tradition, die in hoher denkerischer Blüte die Mystik eines Plotin, eines Bonaventura, oder des Meister Eckhart bestimmt und die sich in der Lehre von den geistlichen Sinnen ausprägte (s. Rahner). Gerade dort wo die Sinnlichkeit sich vertieft, wo alle Sinne extrem aktiviert werden, kündet sich der Übersinn an, das Mit-Gott-eins-werden. 

So lässt sich grundsätzlich sagen: „Rilkes Symbolreichtum fußt auf den Schriften der Mystiker und der Bibel als unerschöpflicher Fundgrube…(und) Die Anklänge an Angelus Silesius sind auffällig häufig“(Spuler,218, 221). Wenn  wir beim cherubinischen Wandersmann lesen: ‚Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein‘ oder ‚Ich bin ein Berg in Gott und muss mich selber steigen‘, dann finden wir ganz ähnliche Bilder und Aussagen bei Rilke (s. Spuler 220f). Das Ich des Beters, diese aufsingende Seele, und sein Gott sind so sehr auf einander eingestimmt, das nicht nur das eine nicht ohne das andere sein kann, ja manchmal gar das Ich für Gott steht und Gott wieder für das schöpferische Ich. Immer wieder ist unklar, wer spricht: das Ich zu Gott oder Gott zum Ich. Wenn Angelus Silesius schreibt: „Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben / Werd ich zunicht, er muss vor Not den Geist aufgeben“ oder „Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen / hat er sowohl von mir als ich von ihm empfangen“, so heißt es ganz ähnlich im Stundenbuch: „Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe? / Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?) / Ich bin dein Trank! (Wenn ich verderbe?) / Bin dein Gewand und dein Gewerbe, / mit mir verlierst du deinen Sinn!“ (31). Und doch darf man nicht verkennen, dass hier Psalmenmotive (man denke nur beispielhaft an Psalm 6,6: Im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken oder Psalm 30,10: Was nützt dir mein Blut, wenn ich zur Grube fahre? Wird dir auch der Staub danken und deine Treue verkündigen?) extrem übersteigert sind, bei Angelus Silesius, wie bei Rilke.

Die Interpretationen des Stundenbuches scheiden sich an der Frage, ob diese Religiosität nur ein Sprachgestus ist, indem sich der Künstler selbst verherrlicht oder ob die sprachliche Fügung nicht Ausdruck einer echten Gotthingegebenheit ist. Ich meine man sollte das Stundenbuch als eine echte religiöse Dichtung lesen, so kunstvoll sie auch gefügt ist, es ist ein Gott-dichten besonderer Art, strömend aus Tiefenquellen des Geistes.

  1. III.                Der dunkle Gott

Dazu gehört auch, um nun in Rilkes Strophenfügung zurückzukehren, das schon in den ersten Gedichten aufbrechende Motiv vom dunklen Gott.

„Ich habe viele Brüder in Sutanen / im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht. / Ich weiß, wie menschlich sie Madonnen planen, / und träume oft von jungen Tizianen, / durch die der Gott in Gluten geht. // Doch wie ich mich auch in mich selber neige: Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe / von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken. / Nur dass ich mich aus seiner Wärme hebe, / mehr weiß ich nicht…“ (12). Wie kann man diese Rede vom dunklen Gott verstehen? Ist es  ein Rückgang in archaische Welten, jeder Aufklärung im Licht fern, oder ist es eine sich aufdrängende Bezeichnung für die Überhelle des göttlichen Glanzes? Man unterstellt gern, Rilkes Gottheit fehle die Tranzendenz, sei nur eine Chiffre für das Irdische, habe keine personalen Züge, aber muss man nicht auch sagen: Das Dunkle an Gott gehört zu Gott selbst. Im Tempelweihgebet des Salomo (1.Könige 8,12) findet es sich genauso wie in der religiösen Architektur z.B. Israels, die das Allerheiligste in das Dunkel taucht. Und wie viele christliche Kirchen sind nicht in Dunkel getaucht, atmen eine Mutterschoßatmosphäre und schaffen so eine warme Geborgenheit, auch wenn mir persönlich helle Räume, das klare Licht wichtiger sind. Sicher verbindet sich bei Rilke diese Rede mit einer Absage an die oberflächlich helle, aber leere Welt der Moderne, doch hat er nicht Recht, wenn er durch solche Bilder auf das verweist, was als Seinsgrund allem Seienden weit vorausliegt? Zeigt er so nicht den Dimensionensprung auf, der zwischen Schöpfer und Geschöpf liegt,  zwischen dem Ich, seiner Seele und dem All-Einen, Großen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann? Wie soll man sagen, was die religiöse Urerfahrung ist, dass wir in Ihm weben, atmen und sind (Apostelgeschichte 17,28)?

Zugleich ist das Mütterliche, das hier anklingt, ein berechtigtes Korrektiv der allzu dominanten patriarchalen Sprache. Überhaupt das Mütterliche, das Marianische. Es bestimmt Rilkes Empfinden und seine religiöse Sinnwelt. Doch bleiben wir noch einen Moment beim Dunklen: Dem Dunkel Gottes entspricht das Dunkel des Ichs. „Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, in welchen meine Sinne sich vertiefen… Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe“ (12). Zugleich ist dieses Dunkel nur der Spiegel des göttlichen dunklen Grundes: „Du Dunkelheit, aus der ich stamme, / ich liebe dich mehr als die Flamme, / welche die Welt begrenzt, / …. Und es kann sein: eine große Kraft / rührt sich in meiner Nachbarschaft. // Ich glaube an Nächte.“(16) Vielleicht darf man hier an die durchaus vergleichbare Welt eines Carl Gustav Jung verweisen, seine (Wieder-)Entdeckung der Tiefensprache der Seele wie Jungs Plädoyer für eine Höherbewertung des Weiblichen, bis hin zu seinem Gedanken einer Quaternität und seinem Faible für eine neue Mariologie.

Zugänglich, vertrauter scheinen jene Verse, die der pantheistischen Grundstimmung im Stundenbuch Ausdruck geben: „Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen, /  bis sie erkennen, nah am Weinen, / dass durch ihr meilenweites Meinen, / durch ihr Vernehmen und Verneinen, / verschieden nur in hundert Seinen / ein Gott wie eine Welle geht.“ (30) oder gar: „Du kommst und gehst. Die Türen fallen / viel sanfter zu, fast ohne Wehn. / Du bist der Leiseste von Allen, / die durch die leisen Häuser gehen. // Man kann sich so an dich gewöhnen, / dass man nicht aus dem Buche schaut, / wenn seine Bilder sich verschönen, / von deinem Schatten überblaut; / weil dich die Dinge immer tönen, / nur einmal leis und einmal laut. // Oft wenn ich dich in Sinnen sehe, / verteilt sich deine Allgestalt: / du gehst wie lauter lichte Rehe und ich bin dunkel und bin Wald.“(37). Aus diesem Gefühlsmonismus strömt eine tiefe Liebe zu allem: „Ich finde dich in allen diesen Dingen, / denen ich gut und wie ein Bruder bin; / als Samen sonnst du dich in den geringen / und in den großen gibst du groß dich hin. // Das ist das wundersame Spiel der Kräfte, / dass sie so dienend durch die Dinge gehn: / in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte / und in den Wipfeln wie ein Auferstehn“ (23).

  1. IV.               Der werdende Gott

Wie ein Strukturmoment durchzieht Rilkes Klangteppich die Polarität von Ich bin – Du bist (s. Hamburger, 47ff), von Ich-Seele und Du-Gott:  „Du bist die sanfte Abendstunde, / die alle Dichter ähnlich macht; / du drängst dich dunkel in die Munde, / und im Gefühl von einem Funde / umgibt ein jeder dich mit Pracht. // Dich heben hunderttausend Harfen wie Schwingen aus der Schweigsamkeit./ Und deine alten Winde warfen / zu allen Dingen und Bedarfen / den Hauch von deiner Herrlichkeit.“(44f) oder: „Du bist der Tiefste, welcher ragte, / der Taucher und der Türme Neid. / Du bist der Sanfte, der in sich sagte, / und doch: wenn dich ein Feiger fragte, / so schwelgtest du in Schweigsamkeit.“(38) Man könnte, so scheint es, fast endlos, so fortfahren Rilke zitierend, fast übersehend, dass in diesem  Verfließen der Gottesanreden, auch solche überzogenen Verse fallen wie: „Du bist der raunende Verrußte, / auf allen Öfen schläfst du breit./ Das Wissen ist nur in der Zeit. /Du bist der dunkle Unbewusste / von Ewigkeit zu Ewigkeit. // Du bist der Bittende und Bange, / der aller Dinge Sinn beschwert. / Du bist die Silbe im Gesange, / die immer zitternder im Zwange / der starken Stimmen  wiederkehrt“(31f).

Diesen Gottesevokationen aus sinnlichen Eindrücken aufsteigend, stehen die Ich- Worte gegenüber: „Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt, / und will niemals blind sein oder zu alt / um dein schweres schwankendes Bild zu halten. / Ich will mich entfalten. / Nirgends will ich gebogen bleiben, / denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin“(17f) oder: „ Ich glaube an Alles noch nie Gesagte. / Ich will meine frömmsten Gefühle befrein. / Was noch keiner zu wollen wagte, /  wird mir einmal unwillkürlich sein. // Ist das vermessen, mein Gott, vergib. / Aber ich will dir damit nur sagen: / Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb, / so ohne Zürnen und ohne Zagen; / so haben dich ja die Kinder lieb.“(16), mehr noch: „Ich fühle dich. An meiner Sinne Saum / beginnst du zögernd, wie mit vielen Inseln, / und deinen Augen, welche niemals blinseln, / bin ich der Raum.“(20). Spricht hier Gott oder das Ich? Und so beginnt sich dieser Bogen zu schließen: „ Ich war Gesang, und Gott, der Reim, / rauscht noch in meinem Ohr. // Ich werde wieder still und schlicht, / und meine Stimme steht; / es senkte sich mein Angesicht / zu besserem Gebet. / Den andern war ich wie ein Wind, da ich sie rüttelnd rief. / Weit war ich, wo die Engel sind, / hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt – Gott aber dunkelt tief.“ Denn: „Gott, du bist groß. // Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin, / wenn ich mich nur in deine Nähe stelle. / Du bist so dunkel: meine kleine Helle / an deinem Saum hat keinen Sinn. / Dein Wille geht wie eine Welle / und jeder Tag ertrinkt darin. // Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn und steht vor dir wie aller Engel größter: / ein fremder, bleicher und noch unerlöster, / und hält dir seine Flügel hin.“(25)

Gott ist für Rilke „das Transzendente schlechthin, dargestellt in Bildern der Dunkelheit, des Schweigens, der Tiefe in der Tradition der mystischen Metaphorik“ (Pagni,38), zugleich ist er das Immanenteste. Gott ist das Größte schlechthin und zugleich das Kleinste – philosophisch hat dies am Ausgang des Mittelalters Nicolaus von Cues mit seiner Erkenntnis der coincidentia oppositorum schon formuliert.   Und doch ist dieser Gott zugleich die eine unendliche schöpferische Kraft, die den Mönch in seiner Zelle Bilder über Bilder, aus ihm quellend, formulieren lässt, ist er jene Quelle der Inspiration, die sich in tausend Namen Gottes entfaltet und doch den letzten Namen, den letzten, verborgenen, nie fassen kann. Dem göttlichen Grund steht ein Gott-bauen gegenüber in Worten und Weisen und wird zu einer Reflektion über die wechselnden Bilder, die einander aufhebenden Mythologien: „Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände; / so dass schon tausend Mauern um dich stehn. / Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, / sooft dich unsre Herzen offen sehn“(12). „Wir bauen an dir mit zitternden Händen / und wir türmen Atom auf Atom. / Aber wer kann dich vollenden, / du Dom.//  Was ist Rom? / Es zerfällt. / Was ist die Welt?/ Sie wird zerschlagen / eh deine Türme Kuppeln tragen, / eh aus Meilen von Mosaik / deine strahlende Stirne stieg. // Aber manchmal im Traum / kann ich deinen Raum / überschaun, / tief vom Beginne / bis zu des Daches goldenem Grate.// Und ich seh: meine Sinne bilden und baun / die letzten Zierate.// Daraus, dass einer dich gewollt hat, (denkt Rilke an Abraham, an Jesus?), weiß ich, dass wir dich wollen dürfen./ … (doch:) Auch wenn wir nicht wollen.: Gott reift.“(19)

Da steht das andere Motiv, neben dem dunklen Gott der werdende Gott, Staunen und Verwunderung, dann Kritik und Missfallen auslösend und doch voller Sinn. ‘Gottes Sein ist im Werden‘ heißt ein theologisches Hauptwerk unserer Zeit von Eberhard Jüngel.  Wie soll man den Fluss der Zeit und die Zeitlosigkeit zusammendenken, wenn nicht so, dass das Vollkommene im Entwurf des Unvollkommenen reicher wird an sich, Gott sich in seinen Werken spiegelt, und Gottes Reich wächst durch Menschen seines Wohlgefallens, Gott selber bereichernd? Was fremd klingt, ist wie die dichterische Umsetzung der Vater-unser-Bitte: Dein Reich komme. Es kommt auf den Schwingen der Verwandlung. Verwandelt werden die Seelen. Und so folgt doch sprechend diesem verstörenden Wort: ‚Gott reift‘ das Gedicht: „Wer seines Lebens viele Widersinne / versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst, / der drängt / die Lärmenden aus dem Palast, / wird anders festlich, und du bist der Gast, / den er an sanften Abenden empfängt. // Du bist der Zweite seiner Einsamkeit, / die ruhige Mitte seinen Monologen; / und jeder Kreis, um dich gezogen, spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.“(20) Gott ist Einklang von Passivität und Aktivität, die Seinsmacht ist ein offener Born der Gnaden: „Du sagtest leben laut und sterben leise / und wiederholtest immer wieder: Sein“(14), „du grenzenlose Gegenwart“(21): „Du bogst mich langsam aus der Zeit, / in die ich schwankend stieg;/ … /Du hältst mich seltsam zart“(36).

„Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht, / dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht. / Aber die Worte, eh jeder beginnt, diese wolkigen Worte sind: // Von deinen Sinnen hinausgesandt, geh bis an deiner Sehnsucht Rand; / gib mir Gewand. /… Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken. / Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste. / Lass dich von mir nicht trennen./ nah ist das Land, / das sie das Leben nennen. // Du wirst es erkennen / an seinem Ernste. // Gib mir die Hand.“(48)

  1. V.                 Gott suchen und finden in der Anfechtung

Schwerste persönliche Krisen und Erschütterungen brachen in Rilkes seelische Welt ein, zertrümmerten sein Lebenshaus. Das lyrische Ich des Mönches erlebt sich hinausgeworfen in die Weite und beginnt sein Leben neu zu deuten als Pilgerschaft. Schmerzliche Erfahrungen des Heimatverlustes werden wie immer bei Rilke auf äußerste erlebt und in Worte transformiert. Der Beter tastet sich als Pilger zurück zu dem Gott seines Lebens, sucht angesichts der Überflut von Leid nach dem Vertrauten. Hören wir in das Eingangsgedicht im Buch von der Pilgerschaft: „Des Sommers Wochen standen still, / es stieg der Bäume Blut: / jetzt fühlst du, dass es fallen will / in den der Alles tut. / Du glaubtest schon erkannt die Kraft, / als du die Frucht erfasst, / jetzt wird sie wieder rätselhaft, und du bist wieder Gast. // Der Sommer war so wie dein Haus, / drin weißt du alles stehn – / jetzt musst du in dein Herz hinaus / wie in die Ebene gehen. / Die große Einsamkeit beginnt, / die Tage werden taub, / aus deinen Sinnen nimmt der Wind / die Welt wie welkes Laub. // Durch ihre leeren Zweige sieht / der Himmel, den du hast; sei Erde jetzt und Abendlied / und Land, darauf er passt. / Demütig sei jetzt wie ein Ding, / zu Wirklichkeit gereift, – / dass Der, von dem die Kunde ging, / dich fühlt, wenn er dich greift“(57f.). 

Das hymnische Worterauschen des ersten Buches verwandelt sich in einen schmerzvollen Gesang. Ein großes Weinen liegt in der Welt. Der Glaube an die Nacht, so positiv getönt, prallt auf die harte Nacht dieser Welt, auf Wut, Angst, Verwünschung und Pein. „Nach jedem Sonnenuntergange / bin ich verwundet und verwaist, / ein blasser Allem Abgelöster / und ein Verschmähter jeder Schar, / …/ Dann brauch ich dich, du Eingeweihter, / du sanfter Nachbar jeder Not, / du meines Leidens leiser Zweiter, / du Gott, dann brauch ich dich wie Brot. / Du weißt vielleicht nicht, wie die Nächte / für Menschen, die nicht schlafen, sind: / da sind sie alle Ungerechte, / der Greis, die Jungfrau und das Kind.“(60f) Doch noch im Klagen spricht das Verlangen nach Gott: „Wen soll ich rufen, wenn nicht den, / der dunkel ist und nächtiger als Nacht. / Den Einzigen, der ohne Lampe wacht / und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht / noch nicht verwöhnt hat und von dem ich weiß, / weil er mit Bäumen aus der Erde bricht / und weil er leis / als Duft in mein gesenktes Angesicht / aus Erde steigt“(62).

Sätze fallen wie: „Keiner lebt sein Leben. / Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke, / Alltage, Ängste, viele kleine Glücke, / verkleidet schon als Kinder, eingemummt, / als Masken mündig, als Gesicht – verstummt“(67). „Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt / wie aus dem Kerker, der ihn hasst und hält, – es ist ein großes Wunder in der Welt: ich fühle: alles Leben wird gelebt. /… / Lebst du es, Gott, – das Leben? “(68).  Es ist dieses Und doch, die Trotzmacht des Geistes, dies  Sich-Fest-Machen in Gott wider den Augenschein, in der biblischen Welt Glauben genannt, das dann tröstend und erhellend in die Anfechtung bricht. Und mitten im Buch der Pilgerschaft steht dann ein so wertvolles Gedicht wie dieses: „Ein jedes Ding ist überwacht / von einer flugbereiten Güte / wie jeder Stein und jede Blüte / und jedes Kind bei Nacht. / Nur wir, in unserer Hoffart, drängen / aus einigen Zusammenhängen / in einer Freiheit leeren Raum, / statt, klugen Kräften hingegeben, / uns aufzuheben wie ein Baum. /…/ Da muss er lernen von den Dingen, / anfangen wieder wie ein Kind, / weil sie, die Gott am Herzen hingen, / nicht von ihm fortgegangen sind. / Eins muss er wieder können: fallen, / geduldig in der Schwere ruhn, / der sich vermaß, den Vögeln allen / im Fliegen es zuvorzutun“(71).  Wir folgen einem Pilger, der immer tiefer in die Demut steigt, der auch noch seine Gottesträume einzufalten beginnt, um in und mit Gott zu bleiben: „Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben, / nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn / und dienend sich am Irdischen zu üben, / um seinen Händen nicht mehr neu zu sein“(79). Ja: „Man wird dich fühlen: dass ein Duften ginge / aus eines Gartens naher Gegenwart; / und wie ein Kranker seine liebsten Dinge / wird man dich lieben ahnungsvoll und zart“(80)… „Denn alle Überflüsse, die ich sah / sind Armut und armseliger Ersatz / für dein Schönheit, die noch nie geschah“(88).

  1. VI.               Der Armut großer Abendstern

Wir folgen einem Pilger, der Gott entgegen (in) Gott stirbt und aufersteht. Davon handelt das dritte, das letzte Buch von der Armut und vom Tode. Es ist eine Erkundung des Los-Lassens, ein Herantasten an das Geheimnis des Todes: „ O, Herr, gib jedem seinen eignen Tod. / Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. // Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. / Der große Tod, den jeder in sich hat, / das ist die Frucht, um die sich alles dreht“(94). Im Stundenbuch entwickelt Rilke dieses abschiedliche und doch dem Leben zärtlich-konkret zugewendete Denken zum einen im tief befremdenden  Bild des Tod-Gebärers, zum andern aber im Armutsmotiv, das in diesem abschließenden Werk entfaltet wird. Es ist eine Armut im Geiste. In Rilkes dichterischer Sprache hallen die Seligpreisungen Jesu wider. Armut ist nicht Mangel an Besitz, es ist ein Los-gelöst-sein-von-allem Besitzen-müssen. Nicht Besitz, nur ein Bezug.  Solche Armut ist die andere Seite der echten Fähigkeit zur Liebe. „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen“(102) und Gott „der Armut große Rose, / die ewige Metamorphose / des Goldes in das Sonnenlicht“(104).

Wie kein anderer steht der alter Christus, Franziskus von Assisi für diese höchste geistige Reife. Und so bildet ein Hymnus auf Franziskus den Schluss- und Höhepunkt des ganzen Stundenbuchs, verwebt dieser Lobpreis alle 3 Bücher miteinander (s. Pagni, 91). Er ist Mönch, Pilger, Heimatloser und der Dichter, der die in der Natur waltenden Gesetze kennt, der Vollendete, der in Gott lebt, in Gott stirbt – und Alles liebt: „O wo ist der, der aus Besitz und Zeit / zu seiner großen Armut so erstarkte, / dass er die Kleider abtat auf dem Markte / und bar einherging vor des Bischofs Kleid. / Der Innigste und Liebendste von allen, / der kam und lebte wie ein junges Jahr; / der braune Bruder deiner Nachtigallen, / in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen / und ein Entzücken an der Erde war. // Denn er war keiner von den immer Müdern, / die freudeloser werden nach und nach, / mit kleinen Blumen wie mit kleinen  Brüdern / ging er den Wiesenrand entlang und sprach. / Und er sprach von sich und wie er sich verschwende / so dass es allem eine Freude sei; / und seines hellen Herzens war kein Ende, / und kein Geringes ging daran vorbei. // Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte, / und seine Zelle stand in Heiterkeit. / Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte / … // Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern / und das Vergessene zurück und kam; (Franziskus verschmilzt mit Orpheus) / und eine Stille wurde in den Nestern, / und nur die Herzen schrieen in den Schwestern, / die er berührte wie ein Bräutigam. //… Und als er starb, so leicht, wie ohne Namen, / da war er ausgeteilt: sein Samen rann / in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen / und sah ihn ruhig aus den Blumen an./… O wo ist er, der Klare, hingeklungen?/ … / der Armut großer Abendstern.

  1. VII.             Schluss

Rilkes Stundenbuch ist ein modernes Erbauungsbuch, ein Gebetszyklus „am Rande des Christentums“(48), der ästhetische Modernität und religiösen Geist miteinander verbindet. „Es gibt im Grunde nur Gebete“(35):  „Ich danke dir, du tiefe Kraft, die immer leiser mit mir schafft wie hinter vielen Wänden“(50) „Du dunkelnder Grund… gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben, / bis sie dir alle würdig sind und weit.“(50)

Literatur:  Das Stundenbuch wird zitiert nach Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch (it 2), Frankfurt/Main 1972, dazu: Rainer Maria Rilke, Kommentierte Ausgabe in 4 Bänden, hg. v. M.Engel, u.a., Band I Gedichte 1895 bis 1910, Frankfurt/Main 1996 (KA I); K.Hamburger, Rilke – eine Einführung, Stuttgart 1976; B.Herzog, Der Gott des Jugenstils in Rilkes ‚Stundenbuch‘ in: J.Hermand (Hg.), Jugendstil, Darmstadt 1971, S.376-381; M.Koch, Der Gott des innersten Gefühls, in: DU 50(1998)H.6,S.49-59; R.Mövius, Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, Leipzig 1937; J.Mendels/L.Spuler, Zur Herkunft der Symbole für Gott und Seele in Rilkes Stundenbuch in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 4(1963), S.217-231; A.Pagni, Rilke um 1900, Nürnberg 1984; K.Rahner, Die Lehre von den geistlichen Sinnen im Mittelater in ders., Schriften zur Theologie, Band XII, Zürich-Einsiedeln-Köln 1975, S. 137-172; W.Schulze, Angelus Silesius und Rainer Maria Rilke in Evangelische Theologie 18(1958), S.185-189;

Vortrag von Pfarrer Dr. Dieter Koch am 16.6.2011 im Wohnstift Augustinum Stuttgart

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm… und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang – eine Begegnung mit Rainer Maria Rilkes Stundenbuch

 

Meine Damen und Herren, wir schreiben das Jahr 1899, genauer den Abend des 20.September, da, so Rilke, “ging nach langem Regen Sonne durch den Wald und durch mich“ (KA I,745) und ein Dichten erhebt sich, ein Rauschen der Sprache, das uns eine Flut von Gebeten schenkt. In wenigen Tagen, genauer zwischen dem 20.9. und dem 14.10. dieses Jahres, Rilke weilt in Berlin-Schmargendorf, entsteht das erste Buch von Rilkes Stundenbuch, „das Buch vom mönchischen Leben“. Zwei weitere dichterische Schübe folgen. Zwischen dem 18.und 25.9.1901, Rilke befindet sich in Westerwede, bricht das zweite Buch des Stundenbuches ans Tageslicht, „das Buch von der Pilgerschaft“ und schließlich in der Woche zwischen dem 13. und 20.4.1903, Rilke flieht nach schmerzlichsten Erfahrungen in Paris nach Viareggio in Italien, folgt das dritte Buch, „das Buch von der Armut und vom Tode“

 

  1. I.                    Das Stundenbuch – eine Theologie des Jugendstils

 

Nur leicht überarbeitet – die Folge der Gedichte, die aus einer einzigartigen Inspiration flossen und  doch zugleich bis heute von hoher künstlerischer Gestaltungskraft zeugen, blieb unberührt – wurden die 3 Teile 1905 zum Stundenbuch gefügt und erschienen im Insel-Verlag. Das Stundenbuch gilt als das erste der sogenannten „undatierbaren Werke Rilkes“ (Mövius, 157) und begründete Rilkes unvergleichlichen Ruhm als Dichter. Schon zu Lebzeiten Rilkes erreichte dieses Buch eine immense Auflage von über 60.000 Exemplaren und auch spätere Zeiten griffen immer neu zu diesem modernen Erbauungsbuch. Sie fanden Trost, religiöse Berührung und Erhellung darin. Sein großes Thema ist Gott, aber wie Rilke über Gott spricht ist unvergleichlich, wenn auch nicht ohne eine Fülle von Bezügen in die Geistesgeschichte des Abendlandes. Viele Teile tönen mystisch, Meister Eckhart und vor allem Angelus Silesius scheinen wieder zu erklingen. Die Gedankenwelt, wenn auch höchst individuell geprägt, verweist auf die Romantik, auf Schleiermacher und Novalis und philosophisch könnte man dieses Werk als Dialog zwischen Schelling und Nietzsche lesen. Aber es ist kein abwägendes Gespräch, sondern ein großes Fühlen, eine „Dichtung schwerfaßlicher Ergriffenheiten…., ein ununterbrochenes Gewoge von Ekstasen und Ängsten, von Entzückungen und geheimnisvollem Gewisper, von sich überstürzenden Vergleichen, Umschreibungen und Paradoxien“(Herzog, 380). Sein bisweilen verspielt klingendes Hauchen und Schwärmen blieb nicht ohne Spott, und doch liegt diesem Buch ein tiefer Ernst zugrunde. Rilkes Stundenbuch ist wie ein zweiter Psalter. Hymnisches verbindet sich mit tiefer Klage. Gott wird gesucht, angerufen, und ist doch zugleich der Dinge tiefster Inbegriff. Es ist ein Sprechen zu Gott und ein Sprechen von Gott, das sich in einer Kaskade von Bildern entfaltet, in  überraschenden Metaphern, bisweilen manieristisch übersteigert und zu „frommen Unverschämtheiten“ neigend (so Karl Barth nach Schulze, 185), zugleich einen einzigartigen Klangteppich ausrollend, voller Assonanzen, Alliterationen und gehäuften Reimen, in dem „Gott als euphonische Einheitsmacht“ (Koch, 53) ins Tönen kommt.

 

Man hat das Stundenbuch Rilkes als die „Theologie des Jugendstils“ (Herzog,  378) bezeichnet: Es ist eine poetische Theologie. Rilke selbst sprach in Briefen von einer „Reihe von Erhebungen und Gebeten“, „gewoben aus Freude, Erkennen, Sehnsucht und Dank, Unterwerfung und Aufrichtung“, „ein Aufstieg Gottes aus dem atmenden Herzen“ (KA I,726,730), vor allem aber sah er das Stundenbuch als einen großen „Gesang, ein einziges Gedicht, in dem keine Strophe von ihrem Platz gerückt werden kann“(KA I,732). Und doch kann ich in dieser Stunde nur ausgewählte Einzelstrophen ihnen vorstellen und Grundmotive dieser Dichtung benennen. Dabei steht das erste Buch vom mönchischen Leben im Mittelpunkt, ich meine mit Ruth Mövius, dass es „geistig gesehen als hauptsächliche Verdichtung seines Urerlebens den Höhepunkt des Werkes bedeutet“(104), während die beiden anderen Teile nach schwersten Krisenerfahrungen sich in die hier entfaltete Gottinnigkeit, die getragen  ist von einer pantheistischen Grundstimmung und dem Glauben an „eine organische Lebenstotalität, an der das Ich teilhat“(Pagni, 37), zurücktasten, Rettung suchend in der einst so übermächtigen Hingegebenheit an die umfassende Seinsmacht, Gott.

 

  1. II.                  Eine moderne, sentimentale Dichtung in der Tradition der Mystik

 

Hören wir nun endgültig in das Stundenbuch hinein:

 

Am Abend des 20.September 1899, da nach langem Regen die Sonne durch den jungen Dichter ging, da „neigt sich die Stunde und rührt mich an/ mit klarem, metallenem Schlag:/ mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann – / und ich fasse den plastischen Tag. // … Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem / und mal es auf Goldgrund und groß, / und halte es hoch, und ich weiß nicht wem / löst es die Seele los… //“(11)

 

Das lyrische Ich, ein russischer Mönch, ein Dichter und Ikonenmaler zugleich, beginnt in höchst individueller Weise sein Gespräch mit dem Gottschöpfer und Weltengrund. Die religiöse Sprache, aus Erfahrung geboren, in Symbolen und Bildern sich darstellend, ist Anruf und Antwort zugleich. Da ist einer ursprünglich berührt, erlebt die Stunde seines Lebens und fängt an dem Lied, das in den Dingen tönt, seine Stimme zu leihen.  Von den ersten Zeilen an ist alles getragen von einem zarten, hellen Sinn für die Präsenz Gottes in den Dingen und Erlebnissen. Auch noch das Kleinste wird geliebt und ikonenhaft gestaltet, d.h. Irdisches wird eingezeichnet in den Goldgrund des Göttlichen. An solchen Stunden Anteil zu geben ist der geistige Sinn des Stundenbuchs und so hat Rilke auch den Titel seines großen Gesangs bewusst an die Stundenbücher des Spätmittelalters, Gebetssammlungen für die private Andacht, angelehnt.

 

Schon das zweite Gedicht, noch am selben Abend entstanden, gehört zu den allerbekanntesten Rilkes: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, / aber versuchen will ich ihn. // Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrhundertelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang“ (11). Ein Wort, auf mancherlei Todesanzeigen verwendet, das das Leben mit einem in Jahrringen sich ausbildenden Baum vergleicht. Dieses Symbol steht hier für das geistige Ich, das im göttlichen Grund wurzelt, und zugleich weiß, dass der letzte Jahresring mitten in seinem Werden abgebrochen werden wird – von anderer Hand, ohne dass dies dem tiefen Sinn, zu werden, zu reifen, der Vollendung entgegen zu streben, seinen Wert rauben kann. Ein zweites Bild stellt sich ein, Vogel, Wind, Atem. Die Seele kreist um Gott, sich selber suchend, sich entdeckend in Gott. Ein Falke, klarsichtig und zugleich auf den Horusfalken des alten Ägypten hinweisend, der Sturm, brausend und zugleich auf die mächtigen Epiphanien im Alten Testament verweisend, denken sie allein an das Toben der Elemente bei der Übergabe des Gottesgesetzes an Mose am Sinai in 2.Mose 19. Da stellt sich ein Bild ein für die gottsuchende Seele und zugleich ist dieses Bild tief verwurzelt in der religiösen Bilderwelt der Jahrtausende. Diese Gottes- und Seelenbilder sind dabei ja nicht beliebig, sondern ihnen liegen tiefgründende Erfahrungen zugrunde. Es sind wegweisende Erhellungen des Bewusstseins, aus dem Unergründlichen auftauchende Urbilder, die auf die Gottverwiesenheit unserer Seele weisen.  Wo sich der Bezug auf Gott positiv ausprägt, dort greift das Lied, das Gotteslob, der Hymnus, wird Dasein, wie Rilke sagt, Gesang. Das griechische Orpheusmotiv und die neuttestamentliche Welt des Jubels verbinden sich.

 

Rilkes Verse sind tief von seiner Begegnung mit Russland bestimmt. Und so  kann man Strophe um Strophe die Weiten Russlands und dessen Volksfrömmigkeit entdecken. Uns begegnet die Welt der russischen Ikonen und das Raunen seiner Gottsucher bis hin zur Gegenwart des bewunderten Tolstoi (s. Spuler, 227). Und doch sind alle diese russischen Elemente tief verwandelt. Sie zeigen, wie Rilke äußerst empfänglich auf Einflüsse jedweder Art reagiert und sie doch stets zugleich ganz individuell umformt, neu formt,  so dass aus Sensibilität und Sentimentalität, tausenderlei Sinneswahrnehmungen ausgesetzt, ein geistiges Sentiment, ein Gottfühlen wird . Nüchterne Betrachter seiner Verse irritiert dies immer wieder, aber Rilke steht hier in einer Tradition, die in hoher denkerischer Blüte die Mystik eines Plotin, eines Bonaventura, oder des Meister Eckhart bestimmt und die sich in der Lehre von den geistlichen Sinnen ausprägte (s. Rahner). Gerade dort wo die Sinnlichkeit sich vertieft, wo alle Sinne extrem aktiviert werden, kündet sich der Übersinn an, das Mit-Gott-eins-werden. 

 

So lässt sich grundsätzlich sagen: „Rilkes Symbolreichtum fußt auf den Schriften der Mystiker und der Bibel als unerschöpflicher Fundgrube…(und) Die Anklänge an Angelus Silesius sind auffällig häufig“(Spuler,218, 221). Wenn  wir beim cherubinischen Wandersmann lesen: ‚Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein‘ oder ‚Ich bin ein Berg in Gott und muss mich selber steigen‘, dann finden wir ganz ähnliche Bilder und Aussagen bei Rilke (s. Spuler 220f). Das Ich des Beters, diese aufsingende Seele, und sein Gott sind so sehr auf einander eingestimmt, das nicht nur das eine nicht ohne das andere sein kann, ja manchmal gar das Ich für Gott steht und Gott wieder für das schöpferische Ich. Immer wieder ist unklar, wer spricht: das Ich zu Gott oder Gott zum Ich. Wenn Angelus Silesius schreibt: „Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben / Werd ich zunicht, er muss vor Not den Geist aufgeben“ oder „Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen / hat er sowohl von mir als ich von ihm empfangen“, so heißt es ganz ähnlich im Stundenbuch: „Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe? / Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?) / Ich bin dein Trank! (Wenn ich verderbe?) / Bin dein Gewand und dein Gewerbe, / mit mir verlierst du deinen Sinn!“ (31). Und doch darf man nicht verkennen, dass hier Psalmenmotive (man denke nur beispielhaft an Psalm 6,6: Im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken oder Psalm 30,10: Was nützt dir mein Blut, wenn ich zur Grube fahre? Wird dir auch der Staub danken und deine Treue verkündigen?) extrem übersteigert sind, bei Angelus Silesius, wie bei Rilke.

 

Die Interpretationen des Stundenbuches scheiden sich an der Frage, ob diese Religiosität nur ein Sprachgestus ist, indem sich der Künstler selbst verherrlicht oder ob die sprachliche Fügung nicht Ausdruck einer echten Gotthingegebenheit ist. Ich meine man sollte das Stundenbuch als eine echte religiöse Dichtung lesen, so kunstvoll sie auch gefügt ist, es ist ein Gott-dichten besonderer Art, strömend aus Tiefenquellen des Geistes.

 

  1. III.                Der dunkle Gott

 

Dazu gehört auch, um nun in Rilkes Strophenfügung zurückzukehren, das schon in den ersten Gedichten aufbrechende Motiv vom dunklen Gott.

 

„Ich habe viele Brüder in Sutanen / im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht. / Ich weiß, wie menschlich sie Madonnen planen, / und träume oft von jungen Tizianen, / durch die der Gott in Gluten geht. // Doch wie ich mich auch in mich selber neige: Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe / von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken. / Nur dass ich mich aus seiner Wärme hebe, / mehr weiß ich nicht…“ (12). Wie kann man diese Rede vom dunklen Gott verstehen? Ist es  ein Rückgang in archaische Welten, jeder Aufklärung im Licht fern, oder ist es eine sich aufdrängende Bezeichnung für die Überhelle des göttlichen Glanzes? Man unterstellt gern, Rilkes Gottheit fehle die Tranzendenz, sei nur eine Chiffre für das Irdische, habe keine personalen Züge, aber muss man nicht auch sagen: Das Dunkle an Gott gehört zu Gott selbst. Im Tempelweihgebet des Salomo (1.Könige 8,12) findet es sich genauso wie in der religiösen Architektur z.B. Israels, die das Allerheiligste in das Dunkel taucht. Und wie viele christliche Kirchen sind nicht in Dunkel getaucht, atmen eine Mutterschoßatmosphäre und schaffen so eine warme Geborgenheit, auch wenn mir persönlich helle Räume, das klare Licht wichtiger sind. Sicher verbindet sich bei Rilke diese Rede mit einer Absage an die oberflächlich helle, aber leere Welt der Moderne, doch hat er nicht Recht, wenn er durch solche Bilder auf das verweist, was als Seinsgrund allem Seienden weit vorausliegt? Zeigt er so nicht den Dimensionensprung auf, der zwischen Schöpfer und Geschöpf liegt,  zwischen dem Ich, seiner Seele und dem All-Einen, Großen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann? Wie soll man sagen, was die religiöse Urerfahrung ist, dass wir in Ihm weben, atmen und sind (Apostelgeschichte 17,28)?

 

Zugleich ist das Mütterliche, das hier anklingt, ein berechtigtes Korrektiv der allzu dominanten patriarchalen Sprache. Überhaupt das Mütterliche, das Marianische. Es bestimmt Rilkes Empfinden und seine religiöse Sinnwelt. Doch bleiben wir noch einen Moment beim Dunklen: Dem Dunkel Gottes entspricht das Dunkel des Ichs. „Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, in welchen meine Sinne sich vertiefen… Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe“ (12). Zugleich ist dieses Dunkel nur der Spiegel des göttlichen dunklen Grundes: „Du Dunkelheit, aus der ich stamme, / ich liebe dich mehr als die Flamme, / welche die Welt begrenzt, / …. Und es kann sein: eine große Kraft / rührt sich in meiner Nachbarschaft. // Ich glaube an Nächte.“(16) Vielleicht darf man hier an die durchaus vergleichbare Welt eines Carl Gustav Jung verweisen, seine (Wieder-)Entdeckung der Tiefensprache der Seele wie Jungs Plädoyer für eine Höherbewertung des Weiblichen, bis hin zu seinem Gedanken einer Quaternität und seinem Faible für eine neue Mariologie.

 

Zugänglich, vertrauter scheinen jene Verse, die der pantheistischen Grundstimmung im Stundenbuch Ausdruck geben: „Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen, /  bis sie erkennen, nah am Weinen, / dass durch ihr meilenweites Meinen, / durch ihr Vernehmen und Verneinen, / verschieden nur in hundert Seinen / ein Gott wie eine Welle geht.“ (30) oder gar: „Du kommst und gehst. Die Türen fallen / viel sanfter zu, fast ohne Wehn. / Du bist der Leiseste von Allen, / die durch die leisen Häuser gehen. // Man kann sich so an dich gewöhnen, / dass man nicht aus dem Buche schaut, / wenn seine Bilder sich verschönen, / von deinem Schatten überblaut; / weil dich die Dinge immer tönen, / nur einmal leis und einmal laut. // Oft wenn ich dich in Sinnen sehe, / verteilt sich deine Allgestalt: / du gehst wie lauter lichte Rehe und ich bin dunkel und bin Wald.“(37). Aus diesem Gefühlsmonismus strömt eine tiefe Liebe zu allem: „Ich finde dich in allen diesen Dingen, / denen ich gut und wie ein Bruder bin; / als Samen sonnst du dich in den geringen / und in den großen gibst du groß dich hin. // Das ist das wundersame Spiel der Kräfte, / dass sie so dienend durch die Dinge gehn: / in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte / und in den Wipfeln wie ein Auferstehn“ (23).

 

  1. IV.               Der werdende Gott

 

Wie ein Strukturmoment durchzieht Rilkes Klangteppich die Polarität von Ich bin – Du bist (s. Hamburger, 47ff), von Ich-Seele und Du-Gott:  „Du bist die sanfte Abendstunde, / die alle Dichter ähnlich macht; / du drängst dich dunkel in die Munde, / und im Gefühl von einem Funde / umgibt ein jeder dich mit Pracht. // Dich heben hunderttausend Harfen wie Schwingen aus der Schweigsamkeit./ Und deine alten Winde warfen / zu allen Dingen und Bedarfen / den Hauch von deiner Herrlichkeit.“(44f) oder: „Du bist der Tiefste, welcher ragte, / der Taucher und der Türme Neid. / Du bist der Sanfte, der in sich sagte, / und doch: wenn dich ein Feiger fragte, / so schwelgtest du in Schweigsamkeit.“(38) Man könnte, so scheint es, fast endlos, so fortfahren Rilke zitierend, fast übersehend, dass in diesem  Verfließen der Gottesanreden, auch solche überzogenen Verse fallen wie: „Du bist der raunende Verrußte, / auf allen Öfen schläfst du breit./ Das Wissen ist nur in der Zeit. /Du bist der dunkle Unbewusste / von Ewigkeit zu Ewigkeit. // Du bist der Bittende und Bange, / der aller Dinge Sinn beschwert. / Du bist die Silbe im Gesange, / die immer zitternder im Zwange / der starken Stimmen  wiederkehrt“(31f).

 

Diesen Gottesevokationen aus sinnlichen Eindrücken aufsteigend, stehen die Ich- Worte gegenüber: „Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt, / und will niemals blind sein oder zu alt / um dein schweres schwankendes Bild zu halten. / Ich will mich entfalten. / Nirgends will ich gebogen bleiben, / denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin“(17f) oder: „ Ich glaube an Alles noch nie Gesagte. / Ich will meine frömmsten Gefühle befrein. / Was noch keiner zu wollen wagte, /  wird mir einmal unwillkürlich sein. // Ist das vermessen, mein Gott, vergib. / Aber ich will dir damit nur sagen: / Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb, / so ohne Zürnen und ohne Zagen; / so haben dich ja die Kinder lieb.“(16), mehr noch: „Ich fühle dich. An meiner Sinne Saum / beginnst du zögernd, wie mit vielen Inseln, / und deinen Augen, welche niemals blinseln, / bin ich der Raum.“(20). Spricht hier Gott oder das Ich? Und so beginnt sich dieser Bogen zu schließen: „ Ich war Gesang, und Gott, der Reim, / rauscht noch in meinem Ohr. // Ich werde wieder still und schlicht, / und meine Stimme steht; / es senkte sich mein Angesicht / zu besserem Gebet. / Den andern war ich wie ein Wind, da ich sie rüttelnd rief. / Weit war ich, wo die Engel sind, / hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt – Gott aber dunkelt tief.“ Denn: „Gott, du bist groß. // Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin, / wenn ich mich nur in deine Nähe stelle. / Du bist so dunkel: meine kleine Helle / an deinem Saum hat keinen Sinn. / Dein Wille geht wie eine Welle / und jeder Tag ertrinkt darin. // Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn und steht vor dir wie aller Engel größter: / ein fremder, bleicher und noch unerlöster, / und hält dir seine Flügel hin.“(25)

 

Gott ist für Rilke „das Transzendente schlechthin, dargestellt in Bildern der Dunkelheit, des Schweigens, der Tiefe in der Tradition der mystischen Metaphorik“ (Pagni,38), zugleich ist er das Immanenteste. Gott ist das Größte schlechthin und zugleich das Kleinste – philosophisch hat dies am Ausgang des Mittelalters Nicolaus von Cues mit seiner Erkenntnis der coincidentia oppositorum schon formuliert.   Und doch ist dieser Gott zugleich die eine unendliche schöpferische Kraft, die den Mönch in seiner Zelle Bilder über Bilder, aus ihm quellend, formulieren lässt, ist er jene Quelle der Inspiration, die sich in tausend Namen Gottes entfaltet und doch den letzten Namen, den letzten, verborgenen, nie fassen kann. Dem göttlichen Grund steht ein Gott-bauen gegenüber in Worten und Weisen und wird zu einer Reflektion über die wechselnden Bilder, die einander aufhebenden Mythologien: „Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände; / so dass schon tausend Mauern um dich stehn. / Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, / sooft dich unsre Herzen offen sehn“(12). „Wir bauen an dir mit zitternden Händen / und wir türmen Atom auf Atom. / Aber wer kann dich vollenden, / du Dom.//  Was ist Rom? / Es zerfällt. / Was ist die Welt?/ Sie wird zerschlagen / eh deine Türme Kuppeln tragen, / eh aus Meilen von Mosaik / deine strahlende Stirne stieg. // Aber manchmal im Traum / kann ich deinen Raum / überschaun, / tief vom Beginne / bis zu des Daches goldenem Grate.// Und ich seh: meine Sinne bilden und baun / die letzten Zierate.// Daraus, dass einer dich gewollt hat, (denkt Rilke an Abraham, an Jesus?), weiß ich, dass wir dich wollen dürfen./ … (doch:) Auch wenn wir nicht wollen.: Gott reift.“(19)

 

Da steht das andere Motiv, neben dem dunklen Gott der werdende Gott, Staunen und Verwunderung, dann Kritik und Missfallen auslösend und doch voller Sinn. ‘Gottes Sein ist im Werden‘ heißt ein theologisches Hauptwerk unserer Zeit von Eberhard Jüngel.  Wie soll man den Fluss der Zeit und die Zeitlosigkeit zusammendenken, wenn nicht so, dass das Vollkommene im Entwurf des Unvollkommenen reicher wird an sich, Gott sich in seinen Werken spiegelt, und Gottes Reich wächst durch Menschen seines Wohlgefallens, Gott selber bereichernd? Was fremd klingt, ist wie die dichterische Umsetzung der Vater-unser-Bitte: Dein Reich komme. Es kommt auf den Schwingen der Verwandlung. Verwandelt werden die Seelen. Und so folgt doch sprechend diesem verstörenden Wort: ‚Gott reift‘ das Gedicht: „Wer seines Lebens viele Widersinne / versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst, / der drängt / die Lärmenden aus dem Palast, / wird anders festlich, und du bist der Gast, / den er an sanften Abenden empfängt. // Du bist der Zweite seiner Einsamkeit, / die ruhige Mitte seinen Monologen; / und jeder Kreis, um dich gezogen, spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.“(20) Gott ist Einklang von Passivität und Aktivität, die Seinsmacht ist ein offener Born der Gnaden: „Du sagtest leben laut und sterben leise / und wiederholtest immer wieder: Sein“(14), „du grenzenlose Gegenwart“(21): „Du bogst mich langsam aus der Zeit, / in die ich schwankend stieg;/ … /Du hältst mich seltsam zart“(36).

 

„Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht, / dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht. / Aber die Worte, eh jeder beginnt, diese wolkigen Worte sind: // Von deinen Sinnen hinausgesandt, geh bis an deiner Sehnsucht Rand; / gib mir Gewand. /… Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken. / Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste. / Lass dich von mir nicht trennen./ nah ist das Land, / das sie das Leben nennen. // Du wirst es erkennen / an seinem Ernste. // Gib mir die Hand.“(48)

 

  1. V.                 Gott suchen und finden in der Anfechtung

 

Schwerste persönliche Krisen und Erschütterungen brachen in Rilkes seelische Welt ein, zertrümmerten sein Lebenshaus. Das lyrische Ich des Mönches erlebt sich hinausgeworfen in die Weite und beginnt sein Leben neu zu deuten als Pilgerschaft. Schmerzliche Erfahrungen des Heimatverlustes werden wie immer bei Rilke auf äußerste erlebt und in Worte transformiert. Der Beter tastet sich als Pilger zurück zu dem Gott seines Lebens, sucht angesichts der Überflut von Leid nach dem Vertrauten. Hören wir in das Eingangsgedicht im Buch von der Pilgerschaft: „Des Sommers Wochen standen still, / es stieg der Bäume Blut: / jetzt fühlst du, dass es fallen will / in den der Alles tut. / Du glaubtest schon erkannt die Kraft, / als du die Frucht erfasst, / jetzt wird sie wieder rätselhaft, und du bist wieder Gast. // Der Sommer war so wie dein Haus, / drin weißt du alles stehn – / jetzt musst du in dein Herz hinaus / wie in die Ebene gehen. / Die große Einsamkeit beginnt, / die Tage werden taub, / aus deinen Sinnen nimmt der Wind / die Welt wie welkes Laub. // Durch ihre leeren Zweige sieht / der Himmel, den du hast; sei Erde jetzt und Abendlied / und Land, darauf er passt. / Demütig sei jetzt wie ein Ding, / zu Wirklichkeit gereift, – / dass Der, von dem die Kunde ging, / dich fühlt, wenn er dich greift“(57f.). 

 

Das hymnische Worterauschen des ersten Buches verwandelt sich in einen schmerzvollen Gesang. Ein großes Weinen liegt in der Welt. Der Glaube an die Nacht, so positiv getönt, prallt auf die harte Nacht dieser Welt, auf Wut, Angst, Verwünschung und Pein. „Nach jedem Sonnenuntergange / bin ich verwundet und verwaist, / ein blasser Allem Abgelöster / und ein Verschmähter jeder Schar, / …/ Dann brauch ich dich, du Eingeweihter, / du sanfter Nachbar jeder Not, / du meines Leidens leiser Zweiter, / du Gott, dann brauch ich dich wie Brot. / Du weißt vielleicht nicht, wie die Nächte / für Menschen, die nicht schlafen, sind: / da sind sie alle Ungerechte, / der Greis, die Jungfrau und das Kind.“(60f) Doch noch im Klagen spricht das Verlangen nach Gott: „Wen soll ich rufen, wenn nicht den, / der dunkel ist und nächtiger als Nacht. / Den Einzigen, der ohne Lampe wacht / und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht / noch nicht verwöhnt hat und von dem ich weiß, / weil er mit Bäumen aus der Erde bricht / und weil er leis / als Duft in mein gesenktes Angesicht / aus Erde steigt“(62).

 

Sätze fallen wie: „Keiner lebt sein Leben. / Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke, / Alltage, Ängste, viele kleine Glücke, / verkleidet schon als Kinder, eingemummt, / als Masken mündig, als Gesicht – verstummt“(67). „Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt / wie aus dem Kerker, der ihn hasst und hält, – es ist ein großes Wunder in der Welt: ich fühle: alles Leben wird gelebt. /… / Lebst du es, Gott, – das Leben? “(68).  Es ist dieses Und doch, die Trotzmacht des Geistes, dies  Sich-Fest-Machen in Gott wider den Augenschein, in der biblischen Welt Glauben genannt, das dann tröstend und erhellend in die Anfechtung bricht. Und mitten im Buch der Pilgerschaft steht dann ein so wertvolles Gedicht wie dieses: „Ein jedes Ding ist überwacht / von einer flugbereiten Güte / wie jeder Stein und jede Blüte / und jedes Kind bei Nacht. / Nur wir, in unserer Hoffart, drängen / aus einigen Zusammenhängen / in einer Freiheit leeren Raum, / statt, klugen Kräften hingegeben, / uns aufzuheben wie ein Baum. /…/ Da muss er lernen von den Dingen, / anfangen wieder wie ein Kind, / weil sie, die Gott am Herzen hingen, / nicht von ihm fortgegangen sind. / Eins muss er wieder können: fallen, / geduldig in der Schwere ruhn, / der sich vermaß, den Vögeln allen / im Fliegen es zuvorzutun“(71).  Wir folgen einem Pilger, der immer tiefer in die Demut steigt, der auch noch seine Gottesträume einzufalten beginnt, um in und mit Gott zu bleiben: „Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben, / nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn / und dienend sich am Irdischen zu üben, / um seinen Händen nicht mehr neu zu sein“(79). Ja: „Man wird dich fühlen: dass ein Duften ginge / aus eines Gartens naher Gegenwart; / und wie ein Kranker seine liebsten Dinge / wird man dich lieben ahnungsvoll und zart“(80)… „Denn alle Überflüsse, die ich sah / sind Armut und armseliger Ersatz / für dein Schönheit, die noch nie geschah“(88).

 

  1. VI.               Der Armut großer Abendstern

 

Wir folgen einem Pilger, der Gott entgegen (in) Gott stirbt und aufersteht. Davon handelt das dritte, das letzte Buch von der Armut und vom Tode. Es ist eine Erkundung des Los-Lassens, ein Herantasten an das Geheimnis des Todes: „ O, Herr, gib jedem seinen eignen Tod. / Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. // Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. / Der große Tod, den jeder in sich hat, / das ist die Frucht, um die sich alles dreht“(94). Im Stundenbuch entwickelt Rilke dieses abschiedliche und doch dem Leben zärtlich-konkret zugewendete Denken zum einen im tief befremdenden  Bild des Tod-Gebärers, zum andern aber im Armutsmotiv, das in diesem abschließenden Werk entfaltet wird. Es ist eine Armut im Geiste. In Rilkes dichterischer Sprache hallen die Seligpreisungen Jesu wider. Armut ist nicht Mangel an Besitz, es ist ein Los-gelöst-sein-von-allem Besitzen-müssen. Nicht Besitz, nur ein Bezug.  Solche Armut ist die andere Seite der echten Fähigkeit zur Liebe. „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen“(102) und Gott „der Armut große Rose, / die ewige Metamorphose / des Goldes in das Sonnenlicht“(104).

 

Wie kein anderer steht der alter Christus, Franziskus von Assisi für diese höchste geistige Reife. Und so bildet ein Hymnus auf Franziskus den Schluss- und Höhepunkt des ganzen Stundenbuchs, verwebt dieser Lobpreis alle 3 Bücher miteinander (s. Pagni, 91). Er ist Mönch, Pilger, Heimatloser und der Dichter, der die in der Natur waltenden Gesetze kennt, der Vollendete, der in Gott lebt, in Gott stirbt – und Alles liebt: „O wo ist der, der aus Besitz und Zeit / zu seiner großen Armut so erstarkte, / dass er die Kleider abtat auf dem Markte / und bar einherging vor des Bischofs Kleid. / Der Innigste und Liebendste von allen, / der kam und lebte wie ein junges Jahr; / der braune Bruder deiner Nachtigallen, / in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen / und ein Entzücken an der Erde war. // Denn er war keiner von den immer Müdern, / die freudeloser werden nach und nach, / mit kleinen Blumen wie mit kleinen  Brüdern / ging er den Wiesenrand entlang und sprach. / Und er sprach von sich und wie er sich verschwende / so dass es allem eine Freude sei; / und seines hellen Herzens war kein Ende, / und kein Geringes ging daran vorbei. // Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte, / und seine Zelle stand in Heiterkeit. / Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte / … // Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern / und das Vergessene zurück und kam; (Franziskus verschmilzt mit Orpheus) / und eine Stille wurde in den Nestern, / und nur die Herzen schrieen in den Schwestern, / die er berührte wie ein Bräutigam. //… Und als er starb, so leicht, wie ohne Namen, / da war er ausgeteilt: sein Samen rann / in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen / und sah ihn ruhig aus den Blumen an./… O wo ist er, der Klare, hingeklungen?/ … / der Armut großer Abendstern.

 

  1. VII.             Schluss

 

Rilkes Stundenbuch ist ein modernes Erbauungsbuch, ein Gebetszyklus „am Rande des Christentums“(48), der ästhetische Modernität und religiösen Geist miteinander verbindet. „Es gibt im Grunde nur Gebete“(35):  „Ich danke dir, du tiefe Kraft, die immer leiser mit mir schafft wie hinter vielen Wänden“(50) „Du dunkelnder Grund… gib mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben, / bis sie dir alle würdig sind und weit.“(50)

 

Literatur:  Das Stundenbuch wird zitiert nach Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch (it 2), Frankfurt/Main 1972, dazu: Rainer Maria Rilke, Kommentierte Ausgabe in 4 Bänden, hg. v. M.Engel, u.a., Band I Gedichte 1895 bis 1910, Frankfurt/Main 1996 (KA I); K.Hamburger, Rilke – eine Einführung, Stuttgart 1976; B.Herzog, Der Gott des Jugenstils in Rilkes ‚Stundenbuch‘ in: J.Hermand (Hg.), Jugendstil, Darmstadt 1971, S.376-381; M.Koch, Der Gott des innersten Gefühls, in: DU 50(1998)H.6,S.49-59; R.Mövius, Rainer Maria Rilkes Stundenbuch, Leipzig 1937; J.Mendels/L.Spuler, Zur Herkunft der Symbole für Gott und Seele in Rilkes Stundenbuch in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 4(1963), S.217-231; A.Pagni, Rilke um 1900, Nürnberg 1984; K.Rahner, Die Lehre von den geistlichen Sinnen im Mittelater in ders., Schriften zur Theologie, Band XII, Zürich-Einsiedeln-Köln 1975, S. 137-172; W.Schulze, Angelus Silesius und Rainer Maria Rilke in Evangelische Theologie 18(1958), S.185-189;

 

Vortrag von Pfarrer Dr. Dieter Koch am 16.6.2011 im Wohnstift Augustinum Stuttgart

 

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